Jessica Kaulfuß studiert Naturwissenschaftliche Forensik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Hier berichtet sie, wie sie die Umstellung aufs Online-Studium erlebt hat und welche Vorteile des digitalen Studiums weiter genutzt werden sollten.

Kalt erwischt: Umstellung mitten in der Prüfungsphase

Ich befand mich gerade mitten in der Vorbereitung für die zweite Klausurenphase des 3. Semesters, als entschieden wurde, dass deutschlandweit alle Lehrveranstaltungen zunächst abgesagt werden und die anstehenden Klausuren verschoben werden. Meine ersten Gedanken waren, dass ich ja nun mehr Zeit zum Lernen und Vertiefen des Klausurstoffs hätte; das wirkliche Ausmaß der Pandemie und die daraus resultierenden Konsequenzen für mein weiteres Studium hatte ich unterschätzt.

Der pandemiebedingte Umstieg auf ein Onlinestudium fiel mir aufgrund meines „fortgeschrittenen“ Alters besonders schwer. Nach zwei abgeschlossenen Ausbildungen und 12 Jahren Berufserfahrung wollte ich mich durch die Aufnahme eines Studiums umorientieren. Dabei musste ich jedoch erstmal wieder lernen, richtig zu lernen und habe daher jede einzelne Lehrveranstaltung besucht, um möglichst viel audiovisuell aufnehmen zu können.

An der Umstellung hat mich zu Beginn sehr gestört, dass drei Semester lang darauf bestanden wurde, alle Hausarbeiten und Protokolle handschriftlich zu verfassen und man vom digitalen Zeitalter kaum etwas an der Hochschule gespürt hat, aber dann plötzlich erwartet wurde, dass Studierende ohne Probleme auf die digitale Lehre umschwenken können. Zudem wurde erwartet, dass man so guten Kontakt zu seinen Kommilitonen hat, dass man auch auf Entfernung Gruppenarbeiten durchführen könne.

 

Licht und Schatten: Digitale Vorlesungen

Aber nach zwei Semestern Homeschooling habe ich festgestellt, dass die digitale Lehre auch Vorteile bietet. Bei den Vorlesungen handelte es sich hauptsächlich um Aufzeichnungen, dazu kamen einige Live-Konferenzen, in einigen Modulen entfiel die Vorlesung ganz.

Der Vorteil von Aufzeichnungen ist ganz klar die freie Zeiteinteilung: Man ist an keine festen Vorlesungszeiten gebunden und kann den Unterrichtsstoff im eigenen Tempo durcharbeiten und so oft wie nötig wiederholen. Jedoch fehlt die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Man muss dann eine E-Mail schreiben und teilweise sehr lange auf eine Antwort warten. Diese Form der Kontaktaufnahme war leider die Hauptkommunikation mit den Dozierenden, denn die wenigsten haben digitale Sprechzeiten angeboten oder Foren eingerichtet, in denen man auch die Fragen der Kommilitonen hätte mitlesen können.

Ein Problem bei Live-Konferenzen ist eine instabile Internetverbindung; wenn diese ausgerechnet zur Vorlesungszeit „schlappmacht“, hat man schlichtweg Pech und muss zusehen, wie man den unverschuldet versäumten Stoff nachholt.

 

Macht Mühe: Virtuelle Praktikumsversuche

Der größte Knackpunkt des digitalen Studiums ist jedoch die Durchführung von Praktika. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, die notwenigen praktischen Kenntnisse in Form eines virtuellen Praktikums zu vermitteln. Manche Dinge muss man einfach selbst gemacht haben, um den Sinn zu verstehen, und es müssen bestimmte Geräte und Materialien einfach mal in der Hand gehalten werden. Da helfen die besten Beschreibungen nicht und schon gar keine Videos von YouTube.

Es gab Lehrende, die sich sehr viel Mühe gegeben haben, es uns leichter zu machen. So wurden beispielsweise in den Laboren der Hochschule mit den Geräten und Materialien, welche auch in Präsenzpraktika zur Verfügung gestanden hätten, die Versuche in selbst gedrehten Videos nachgestellt und anschließend wurde man in einer ganztägigen Videokonferenz an den Praktikumsversuch herangeführt. Dieses Seminar hat meiner Meinung nach den größten Lerneffekt gehabt.

Dennoch fehlt es an praktischen Erfahrungen und diese sind meiner Meinung nach unabdingbar für die aktuelle Praxisphase. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich eine Praktikumsstelle gefunden habe, bei der das Team und die Vorgesetzten großes Verständnis für die Situation haben und versuchen, die corona-bedingten Ausfälle zu kompensieren.

 

Die Zukunft des digitalen Studiums

Zusammenfassend kann ich sagen, dass digital vieles – jedoch nicht alles – machbar ist und der Lernerfolg stark von der Motivation des Lehrenden abhängig ist. Nun hoffe ich, dass die Pandemie schnell vorbeigeht und man bald wieder normal studieren kann. Dennoch sollte man auch künftig einige Vorteile der digitalen Lehre weiter nutzen und beispielsweise Vorlesungen aufzeichnen, um den Lehrstoff jederzeit in eigenem Tempo wiederholen zu können.

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