Denkfallen sind Sackgassen auf dem Weg zur Problemlösung. Man gerät in sie, wenn man sich zu sehr auf seine gedanklichen „Autopiloten“ verlässt. Konkret heißt das: man fällt auf kognitive Täuschungen oder Annahmen herein, zu denen automatisch ablaufende Denkmechanismen und Problemlösungsstrategien führen. Oft bewähren sich diese automatischen Denkprozesse im Alltag. Treffen sie aber z. B. auf Probleme mit verwickelten Ursache-Wirkungs-Netzwerken, komplexen statistischen Zusammenhängen oder sind Wahrnehmung und Gedächtnis mit dem Problem überfordert, kommt man leicht auf Abwege. 

Es gibt eine erstaunliche Vielzahl von Denkfallen. Ein Klassiker ist z. B. die Falle des „mehr desselben“. Man läuft in sie hinein durch die Annahme, dass es für ein gegebenes Problem nur genau eine Lösung gibt. Funktioniert der Lösungsansatz nicht, kann ein automatischer Denkmechanismus durch die Auffassung wirken, dass das Problem nur deshalb nicht gelöst wurde, weil der Lösungsansatz einfach noch nicht gut genug umgesetzt wurde und man daher mehr desselben tun muss. Das setzt einen Teufelskreis in Gang, in dem jede weitere Anstrengung für denselben Lösungsansatz immer weiter von der Problemlösung wegführt. Zwei Beispiele können das veranschaulichen: Gewaltsame Konfliktlösungen führen zu Gegengewalt, worauf mit noch mehr Gewaltanwendung reagiert wird (Gewaltspirale); Der Bau zusätzlicher Straßen zur Verkehrsentlastung kann ein immer größeres Verkehrsaufkommen bewirken, woraufhin der Bau von noch mehr Straßen nötig erscheint.

Wie aber kann man sich aus solchen Denkfallen befreien? Da man durch unkontrolliertes Denken in sie hineingerät, führt der Weg aus ihnen heraus über kontrolliertes Denken in Form von bewusstem Hinterfragen eigener Wahrnehmungen, Erinnerungen, Urteile und eine ergebnisoffene logisch-rationale Herangehensweise an Probleme. Dabei ist wichtig zu betonen, dass beide Aspekte zusammenwirken müssen, wie Hammer und Nagel.

 

Vorurteile gegenüber Minderheiten gehen oft auf eine Denkfalle zurück

Betrachten wir ein weiteres Beispiel aus dem Alltag und überlegen, wie kontrolliertes Denken zum Verständnis des Problems beitragen kann. Unsere Frage lautet: Wie kommt es, dass gerade dort, wo Minderheiten am geringsten vertreten sind, deren Abwertung, am häufigsten auftritt? Es gibt bei abwertenden Angehörigen der Mehrheit die Ansicht, dass bei Minderheiten negatives Verhalten häufiger auftreten würde als in ihrer Mehrheitsgruppe. Wie kommt es zu dieser Einschätzung?

Um diese Frage zu untersuchen, wurde Versuchspersonen unter kontrollierten Bedingungen das Verhalten von Mitgliedern zweier Personengruppen gezeigt, die sich allein in ihrer Gruppengröße unterschieden. Beide Gruppen zeigten positives und negatives Verhalten im exakt gleichen Verhältnis, wobei das positive Verhalten sehr deutlich überwog. Die Versuchspersonen sollten nun beide Gruppen anhand der erinnerten Verhaltensweisen bewerten. Obwohl das Verhalten in beiden Gruppen völlig gleich war, wurde die kleinere Gruppe von den Versuchspersonen systematisch schlechter bewertet (siehe z.B. Hamilton & Gifford, Journal of Experimental Social Psychology, 12, 392–40716 (1976); Fiedler, Russer und Gramm, Journal of Experimental Social Psychology, 29 (2), 116–136 (1993)). Dieses auf den ersten Blick überraschende Ergebnis weist auf eine systematische Täuschung hin, die in eine Denkfalle führt.

Eine mögliche Erklärung verbindet einen aus der Statistik bekannten Effekt (Regression zur Mitte) mit der Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses, was zu „regressiver Beurteilung“ führt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass daraus eine statistische Illusion entsteht, durch die extreme Häufigkeitsverhältnisse – in unserem Beispiel ist es das extreme Verhältnis von positivem zu negativem Verhalten – systematisch in der Erinnerung als weniger extrem erscheinen. Diese Illusion wird umso stärker, je weniger Beobachtungen es gibt. Das hat damit zu tun, dass die Stärke der Regression von der Stichprobengröße abhängt: je kleiner sie ist, umso größer ist in unserem Beispiel die Unsicherheit in der Abschätzung des Anteils positiven Verhaltens.

Diese statistische Unsicherheit wirkt sich auf die Beurteilung des Verhaltens von Minderheiten aus: Ihre Gruppe ist wesentlich kleiner als die der Mehrheitsgesellschaft, es liegen somit viel weniger Beobachtungen über ihre Mitglieder vor. So kann die Illusion entstehen, dass positives Verhalten bei Minderheiten weniger oft Auftritt als in der Mehrheitsgruppe.

Wir sehen: Mit der bewussten Infragestellung eigener Wahrnehmungen, Erinnerungen und Urteile sowie einer logisch-rationalen Herangehensweise kann ein schwer zugänglicher Grund für Probleme erkannt und als Denkfalle entlarvt werden. In unserem Beispiel ist es die „Regressionsfalle“

 

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von Frank Trixler, München

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